Freizeit und Tourismus
Die Lausitz und insbesondere das Lausitzer Seenland stellen ein bemerkenswertes Beispiel für die Transformation einer durch den Braunkohletagebau geprägten Landschaft hin zu einem multifunktionalen Erholungs-, Kultur- und Naturraum dar. Die Region vereint gegenwärtig auf besondere Weise ökologische Renaturierung, touristische Infrastruktur und kulturelle Vielfalt.
Das Lausitzer Seenland gilt als das größte künstlich geschaffene Wasserlandschaftsensemble Europas. Durch die Flutung ehemaliger Tagebaue entstand eine Seenlandschaft, die vielfältige Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten eröffnet. Die Region bietet optimale Bedingungen für Wassersportarten wie Segeln, Kanufahren oder Stand-Up-Paddling. Ergänzt wird dieses Angebot durch ein gut ausgebautes Netz an Rad- und Wanderwegen – darunter der Seenland-Radweg –, das Besucher*innen eine aktive und naturnahe Erkundung der Landschaft ermöglicht.
Neben landschaftlichen Besonderheiten zeichnet sich die Lausitz durch ein reiches kulturelles Erbe aus, das insbesondere von der sorbischen Minderheit geprägt ist. Die autochthone slawische Bevölkerungsgruppe pflegt bis heute ihre Sprache, Bräuche und religiösen Feste. Kulturelle Ereignisse wie das Osterreiten oder die sorbischen Vogelhochzeiten verweisen auf die Vitalität traditioneller Kulturformen in einem sich wandelnden gesellschaftlichen Kontext. Institutionen wie das Sorbische Museum in Bautzen tragen zur Sichtbarmachung und Bewahrung dieses kulturellen Erbes bei.
Darüber hinaus hat sich die Region auch als Standort moderner Kulturformate etabliert. Veranstaltungen wie das FilmFestival Cottbus – eines der bedeutendsten Festivals des osteuropäischen Films – sowie Ausstellungen und Performances in ehemaligen Industrieanlagen dokumentieren die Auseinandersetzung mit postindustriellen Transformationsprozessen. Einrichtungen wie die Energiefabrik Knappenrode oder der Europäische Industriekulturpark fungieren dabei nicht nur als Zeugnisse der Bergbauvergangenheit, sondern auch als Orte gegenwärtiger kultureller Reartikulation.
Insgesamt stellt die Lausitz – insbesondere in ihrer Ausprägung als Lausitzer Seenland – einen Raum dar, in dem sich landschaftlicher Wandel, kulturelle Identität und touristische Inwertsetzung in exemplarischer Weise übe lagern. Die Region verdeutlicht damit zentrale Dynamiken struktureller, kultureller und ökologischer Transformationen im ostdeutschen Raum.
Wiederaufbau von Landschaften
Die Lausitz befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden räumlich-ökologischen Wandel. Der strukturierte Rückbau des Braunkohletagebaus markiert nicht nur das Ende einer lange dominierenden industriellen Nutzungsform, sondern ermöglicht zugleich die Neugestaltung großflächiger Landschaftsräume. Infolge der Stilllegung zahlreicher Tagebaue entsteht durch gezielte Flutung eine künstliche Seenlandschaft, die unter dem Begriff Lausitzer Seenland firmiert. Dieser Prozess der Renaturierung und Revitalisierung dient nicht nur ökologischen Zielsetzungen, sondern schafft auch neue Freizeit-, Wohn- und Erholungsräume für die Region.
Ein exemplarisches Fallbeispiel für diesen Transformationsprozess ist der Tagebau Welzow. Trotz des aktuell noch andauernden Kohleabbaus laufen bereits planerische Vorbereitungen für eine zukünftige Nutzung der Grube als künstlich geschaffener See. Die vorgesehene Flutung soll den Landschaftsraum nicht nur ästhetisch und ökologisch aufwerten, sondern auch eine Vielzahl an potenziellen Freizeitnutzungen ermöglichen. Parallel dazu bleibt die industrielle Vergangenheit des Ortes bewusst sichtbar: Im Rahmen von geführten Touren können Besucher*innen den aktiven Bergbau erleben und erhalten Einblicke in die zukünftige Entwicklung des Areals.
Die Transformation der Tagebaulandschaft erfordert ein interdisziplinäres Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure aus den Bereichen Ingenieurwesen, Geowissenschaften und Umweltplanung. Ziel ist eine ökologisch nachhaltige, zugleich aber wirtschaftlich tragfähige Umgestaltung des postindustriellen Raumes. Im Zuge dieser Maßnahmen entstehen neue Habitate für Flora und Fauna, während durch den Ausbau von Rad- und Wanderwegen sowie durch die touristische Inwertsetzung industrieller Relikte – wie etwa der Energiefabrik Knappenrode oder dem Besucherbergwerk F60 – sowohl eine ökonomische als auch kulturelle Neunutzung erfolgt.
Der Strukturwandel in der Lausitz kann somit als paradigmatisches Beispiel für eine gelungene Verbindung von ökologischer Rekultivierung, wirtschaftlicher Umstrukturierung und touristischer Entwicklung betrachtet werden. Die Region demonstriert anschaulich, wie postindustrielle Räume durch integrative Planungsansätze in resiliente und attraktive Lebensräume transformiert werden können. Diese Entwicklung impliziert nicht nur ökologische Wiederherstellung, sondern eröffnet zugleich neue Perspektiven für regionale Identität und nachhaltige Zukunftsgestaltung.
Naturschutz
Im Zuge des ökologischen und wirtschaftlichen Strukturwandels nimmt der Naturschutz in der Lausitz eine zentrale Rolle ein. Die Region zeichnet sich durch eine bemerkenswerte ökologische Diversität aus, die sowohl historisch gewachsene als auch neu geschaffene Lebensräume umfasst. Von naturnahen Mooren und ausgedehnten Waldgebieten über Heiden bis hin zu durch Rekultivierungsmaßnahmen entstandenen Seenlandschaften bietet die Lausitz eine Vielzahl ökologisch wertvoller Biotope, die einen integrativen Schutzansatz erforderlich machen.
Der Umbau der ehemaligen Braunkohlelandschaft erfolgt unter aktiver Berücksichtigung naturschutzfachlicher Prinzipien. Die Flutung ehemaliger Tagebaue dient nicht nur der touristischen Nutzung, sondern wird gezielt so gesteuert, dass neue Habitattypen für gefährdete Tier- und Pflanzenarten entstehen können. Die Gestaltung dieser Gewässerlandschaften orientiert sich an ökologischen Zielvorgaben, die Biodiversität fördern und naturnahe Sukzessionsprozesse unterstützen sollen. Ein besonders exemplarisches Projekt in diesem Zusammenhang stellt die Wiederherstellung der Spreeaue dar – eines der größten Feuchtgebiete der Region. Hier werden Hochwasserschutz, Renaturierung und Artenschutz modellhaft miteinander kombiniert.
Darüber hinaus existieren in der Lausitz zahlreiche unter Schutz stehende Naturräume, die sowohl der Artenvielfalt als auch der Umweltbildung dienen. Hervorzuheben ist das UNESCO-Biosphärenreservat Spreewald, das als ökologisch hochsensibles Rückzugsgebiet fungiert und gleichzeitig ein Labor für nachhaltige Mensch-Natur-Interaktionen darstellt. Parallel zur Schutzstrategie wird auf eine vorsichtige touristische Nutzung gesetzt, die auf Aufklärung, Sensibilisierung und Partizipation ausgerichtet ist. Umweltbildungszentren, thematische Führungen und Naturerlebnisangebote tragen dazu bei, ökologische Zusammenhänge zu vermitteln, ohne die Schutzwürdigkeit der Lebensräume zu kompromittieren.
Der naturschutzbezogene Umgang mit der postindustriellen Landschaft in der Lausitz illustriert beispielhaft, wie ehemalige Abbauräume in ökologisch funktionale und gesellschaftlich wertvolle Natur- und Erholungsräume transformiert werden können. Die Region steht somit exemplarisch für eine nachhaltige Entwicklung, bei der ökologische, ökonomische und soziale Zielsetzungen im Sinne einer integrativen Regionalentwicklung miteinander in Einklang gebracht werden. Der Prozess bleibt dabei dynamisch und konflikthaft – doch die Lausitz zeigt, dass eine konstruktive Koexistenz von Mensch und Natur nicht nur möglich, sondern langfristig tragfähig ist.
Ziele und konzepte
Regenerative Energie
Im Rahmen des fortschreitenden sozioökonomischen Strukturwandels etabliert sich die Lausitz zunehmend als Modellregion für die Implementierung regenerativer Energiesysteme. Die strategische Neuausrichtung der regionalen Energieinfrastruktur verfolgt das Ziel, eine postfossile, resiliente und ökologisch tragfähige Energieversorgung zu gewährleisten. Zentrale Säulen dieses Wandels bilden die Nutzung von Windenergie, Solarenergie sowie Biomasse, deren Potenziale im Kontext der regionalen Gegebenheiten systematisch erschlossen werden. Die topografischen und klimatischen Voraussetzungen der Lausitz bieten ideale Rahmenbedingungen für die Errichtung großflächiger Windkraftanlagen. Insbesondere auf rekultivierten Tagebauflächen entstehen zunehmend Windparks, die nicht nur zur regionalen Energieversorgung beitragen, sondern auch in überregionale Stromnetze einspeisen. Diese Anlagen sind Ausdruck einer funktionalen Umdeutung industriell vorgeprägter Räume zu Trägern nachhaltiger Energieproduktion. Parallel dazu erfährt die Nutzung von Solarenergie eine dynamische Expansion. Konversionsflächen wie ehemalige Abraumhalden oder Industrieareale werden gezielt für die Installation großflächiger Photovoltaikanlagen genutzt. Die solare Stromerzeugung auf solchen Flächen steht exemplarisch für eine effiziente Doppelnutzung im Spannungsfeld zwischen ökologischer Umgestaltung und technologischer Innovation. Ergänzend zur Wind- und Solarenergie wird auch der Bereich der Bioenergie systematisch weiterentwickelt. Die Verwertung organischer Reststoffe aus der Land- und Forstwirtschaft zur energetischen Nutzung stärkt nicht nur regionale Wertschöpfungsketten, sondern trägt zur Etablierung einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft bei. Darüber hinaus werden in der Region zukunftsweisende Technologien pilotiert – etwa im Bereich der Erzeugung von grünem Wasserstoff –, die das Spektrum regenerativer Energieträger erweitern und das Innovationsprofil der Lausitz weiter schärfen. Diese energiewirtschaftliche Neupositionierung ist nicht allein als technische Umstellung zu verstehen, sondern als tiefgreifender Transformationsprozess mit sozialräumlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Implikationen. Die gezielte Förderung erneuerbarer Energien generiert neue Beschäftigungspotenziale, stärkt regionale Innovationsnetzwerke und leistet zugleich einen substantiellen Beitrag zur nationalen und europäischen Klimaschutzagenda. Standorte wie das Energie- und Gewerbegebiet Schwarze Pumpe, vormals ein Symbol fossiler Energieerzeugung, fungieren heute als Reallabore zukunftsorientierter Energiepolitik. Hier werden Konzepte und Technologien erprobt, die das Potenzial besitzen, weit über die Region hinaus als Referenzmodelle für eine nachhaltige Energiewende zu wirken.
Industrie und Kultur
Die Lausitzer Seenlandschaft stellt ein paradigmatisches Beispiel für den tiefgreifenden Wandel einer durch Braunkohletagebau dominierten Industrielandschaft hin zu einem hybrid genutzten Raum dar, in dem kulturelle Rekontextualisierung und touristische Neuausrichtung zentrale Rollen einnehmen. In diesem Prozess wird Industriekultur nicht nur als retrospektives Erinnerungsformat verstanden, sondern als aktives
Gestaltungselement einer regionalen Identitätsbildung im Zeichen des Strukturwandels.
Zahlreiche ehemalige Tagebaustandorte und Produktionsanlagen werden unter denkmalpflegerischen, musealen und künstlerisch-kulturellen Gesichtspunkten neu interpretiert. Das Besucherbergwerk F60, ein ehemaliger Abraumförderbrückenstandort bei Lichterfeld, fungiert heute als industriekulturelles Zentrum und Eventlocation. Ähnlich verhält es sich mit der Energiefabrik Knappenrode, die als musealer Ort industrieller Arbeitswelten ebenso dient wie als Plattform für kulturelle Bildung und kreative Zwischennutzung. Ergänzt wird dieses Ensemble durch das Lausitzer Bergbaumuseum in Hoyerswerda, das die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen des Braunkohlebergbaus multiperspektivisch dokumentiert.
Die Verknüpfung von Industriekultur und Naturraum stellt eine bewusste Strategie zur Etablierung eines vielschichtigen Kulturtourismus dar. Lichtinstallationen in industriellen Kulissen, temporäre Ausstellungen im Spannungsfeld von Technik und Kunst sowie Konzerte an ungewöhnlichen Orten – etwa auf Förderbrücken oder in ehemaligen Werkshallen – fördern nicht nur kulturelle Teilhabe, sondern transformieren vormalige Produktionsräume in symbolisch aufgeladene Erlebnisräume. Projekte wie “Sound of Industry”, bei dem elektronische Musik mit industriellen Geräuscharchiven kombiniert wird, oder das Festival „7001“, das auf dem Gelände des früheren Kraftwerks Schwarze Pumpe performative Künste mit Industriedenkmälern verknüpft, illustrieren die kreative Aneignung der postindustriellen Landschaft.
Gleichzeitig werden Bildungs- und Vermittlungsangebote systematisch ausgebaut. Programme zur Industriepädagogik, Kooperationen mit Schulen und Hochschulen sowie interaktive Erlebnispfade leisten einen Beitrag zur Reflexion vergangener Strukturen und ihrer Bedeutung für gegenwärtige Transformationsprozesse. Die Lausitz wird so nicht nur zum Erinnerungsraum für industrielle Arbeitskulturen, sondern auch zum Experimentierraum für zukunftsgerichtete, nachhaltige Formen der Kultur- und Tourismusentwicklung.
Langfristig zielt die strategische Ausrichtung auf die Etablierung des Lausitzer Seenlands als Modellregion, in der kulturelle Resilienz, ökologische Umnutzung und touristische Innovation miteinander verschränkt sind. Die Region fungiert dabei zunehmend als Referenzraum für einen gestalterisch begleiteten Strukturwandel, der industrielles Erbe nicht als statisches Relikt, sondern als dynamisches Potenzial für eine zukunftsfähige Regionalentwicklung versteht.


Neue Wohnformen
Die Lausitzer Seenlandschaft entwickelt sich im Zuge des Strukturwandels nicht nur zu einem touristisch attraktiven Naturraum, sondern zunehmend auch zu einem Modellgebiet für nachhaltige und gemeinschaftsorientierte Wohnformen. Die Umgestaltung ehemaliger Tagebaulandschaften eröffnet neue räumliche und planerische Potenziale, die auf zukunftsfähige Siedlungsentwicklung abzielen.
Wohnformen wie Hausboote, schwimmende Quartiere oder modulare Uferbebauungen – etwa am Geierswalder und Partwitzer See – ermöglichen naturnahes Wohnen und tragen zur Profilbildung des Raums bei. Gleichzeitig werden auf renaturierten Flächen oder in früheren Bergbausiedlungen moderne Konzepte wie Co-Housing, Mehrgenerationenwohnen oder ökologisch zertifizierte Bauweisen umgesetzt. So entstehen beispielsweise in Großräschen und Hoyerswerda Pilotprojekte, die gemeinschaftliches Leben und ressourcenschonendes Bauen miteinander verbinden.
Diese Ansätze verfolgen das Ziel, Wohnqualität, soziale Teilhabe und Umweltbewusstsein zu vereinen. Die Kombination von Wohnen, Arbeiten und Freizeit im naturnahen Umfeld stärkt die regionale Attraktivität und adressiert neue Bevölkerungsgruppen, etwa Rückkehre*:innen, Kreative oder digitale Nomaden. Unterstützt durch integrierte Stadt-Umland-Planung und nachhaltige Mobilitätsstrategien, positioniert sich die Lausitz als Reallabor für innovative Wohnmodelle im ländlichen Raum.
Rad und Fußweg
Die Lausitzer Seenlandschaft ist ein Paradies für Radfahrer. Mit einem weit verzweigten Netz an Radwegen wird die Region nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische erschlossen. Eines der zentralen Konzepte ist die Verbindung der einzelnen Seen durch Rundwege und Übergänge, die ein nahtloses Naturerlebnis ermöglichen. Der Fürst-Pückler-Radweg und die Seenland-Route zählen zu den bekanntesten Strecken und bieten abwechslungsreiche Landschaften sowie kulturelle Highlights entlang des Weges.
Ziel ist es, die Radwege nicht nur für Freizeitradler, sondern auch für sportlich Ambitionierte und Familien attraktiv zu gestalten. Rastplätze, Aussichtspunkte und gastronomische Angebote entlang der Strecken sollen das Erlebnis abrunden. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass die Radwege barrierefrei und gut beschildert sind. Ein weiterer Fokus liegt auf der Verknüpfung mit öffentlichen Verkehrsmitteln, um nachhaltige Mobilität zu fördern. Die Entwicklung der Radwege unterstützt nicht nur den Tourismus, sondern trägt auch zur Lebensqualität und zur klimagerechten Mobilität in der Region bei.
Robin Franke, Patrick Miozga, Britina Sakti
Lena Marie Stöckel
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https://www.ngp-lausitzerseenland.de/cms/
Vladimir Baganov, Laetitia Düren, Lilly Klein
Ole Niklas, Maybritt Peter, Simon Roer Rodriguez




