Technische Daten der Biotürme
Anzahl: 24 Türme
Höhe: 22 Meter
Durchmesser: 3,5 Meter
Füllvolumen je Turm: ca. 200 m³ Schlackegestein
Abwasserdurchsatz: 240 m³/h
Reinigungsverfahren: Turmtropfkörperverfahren


Was sind die Biotürme in Lauchhammer?
Die Biotürme in Lauchhammer sind ein außergewöhnliches Industriedenkmal im Süden Brandenburgs – und das letzte erhaltene Relikt einer der bedeutendsten Industrieanlagen der DDR: der ehemaligen Großkokerei Lauchhammer. Die Türme sind Teil der Energie-Route Lausitzer Industriekultur und der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH).
Eckdaten
Bau der Kokerei: Beginn am 1. Oktober 1951
Inbetriebnahme: 14. Juni 1952
Stilllegung der Kokerei: 30. Oktober 1991
Abriss der übrigen Anlagen: ab 1994
Betrieb der Biotürme: bis 2002

Erhalt und Umnutzung
Abriss der Biotürme 2003 verhindert (u. a. durch IBA, Denkmalpflege, Kunstgussmuseum)
Sanierung 2005–2008 (Architekturbüros Jähne & Göpfert, Zimmermann & Partner)
Seit 2008: Begehbares Industriedenkmal und Veranstaltungsort
Trägerschaft: Biotürme Lauchhammer gGmbH
Aktueller Zustand (Stand: Juli 2025)
Der Besichtigungsturm ist derzeit leider aus sicherheitstechnischen Gründen nicht begehbar.
Biotürme Lauchhammer
Industrieproduktion (zu Spitzenzeiten)
3.100 t Koks/Tag
210 t Teer
130 t Leichtöl
20 t Phenol
1,8 Mio. m³ Stadtgas/Tag
Beschäftigte: bis zu 2.000 Menschen direkt, ca. 12.000 im Umfeld
Auszeichnungen
Brandenburgischer Ingenieurpreis (2009)
Denkmalpreis des Landes Brandenburg (2009)
Die Geschichte der Biotürme - Vergangenheit
Die Biotürme in Lauchhammer sind eng mit der industriellen
Entwicklung der Region und der Gründungsgeschichte der Stadt
verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die DDR vor der Herausforderung, alternative Lösungen zur Rohstoffverarbeitung
zu finden – denn Steinkohle war knapp, Kokereien fehlten
weitgehend. Da es im Staatsgebiet keine nennenswerten
Steinkohlevorkommen oder ausreichend Kokereikapazitäten gab, wurde im Rahmen des Fünfjahresplans ein ehrgeiziges Projekt
gestartet: der Aufbau der weltweit ersten Großkokerei zur
Herstellung von hüttenfähigem Hochtemperaturkoks (BHT-Koks) aus Braunkohle.
Als Standort wählte man Lauchhammer, da in der Region –
insbesondere in Kleinleipisch und Klettwitz – Braunkohlevorkommen mit einem besonders niedrigen Asche- und Schwefelgehalt
vorhanden waren, die sich gut für die Verkokung eigneten. In den 1950er Jahren wurde die Stadt Lauchhammer aus mehreren zuvor eigenständigen Dörfern wie Mückenberg und Bockwitz gebildet
– direkt im Zuge des Aufbaus dieser bedeutenden Industrieanlage.
Die Geschichte der Biotürme - Gegenwart
Durch das Engagement von Denkmalschützern, Stadtgesellschaft und der Internationalen Bauausstellung (IBA) konnten die Türme vor dem Abriss bewahrt werden. Zwischen 2005 und 2008 wurden sie umfassend saniert und für Besucher geöffnet. Ein Turm wurde mit gläsernen Aussichtskanzeln ausgestattet, die einen besonderen Blick auf das Gelände ermöglichen.
Heute sind die Biotürme Teil der „Energie-Route Lausitzer Industriekultur" und gehören zur Europäischen Route der Industriekultur (ERIH). Sie dienen nicht nur als Denkmal, sondern auch als Veranstaltungsort, Lernort und Plattform für kulturelle Umnutzung.
Obwohl der Besichtigungsturm derzeit aus sicherheitstechnischen Gründen geschlossen ist (Stand: Juni 2025), bleiben die Biotürmeein beeindruckendes Beispiel für den Wandel von Industrie zu Kultur – und ein Stück Identität für die Stadt Lauchhammer.
Turmtropfkörperverfahren
– Die Reinigung in den Biotürmen
Die Biotürme in Lauchhammer sind nicht nur architektonisch
beeindruckend – sie dienten einst einem hochmodernen
Verfahren zur biologischen Abwasserreinigung: dem
Turmtropfkörperverfahren. Während der Koksproduktion in
der Großkokerei Lauchhammer fiel stark belastetes Abwasser an, insbesondere das sogenannte Phenolwasser, das aus
Rückständen organischer Stoffe bestand. Um dieses
umweltgerecht zu behandeln, wurde ein innovatives System
entwickelt: In insgesamt 24 zylindrischen Türmen rieselte das
Abwasser durch eine Füllung aus porösem Schlackegestein.
An dieser Oberfläche siedelten sich Mikroorganismen an, die die schädlichen Stoffe biologisch abbauten. Der sogenannte
Kamineffekt unterstützte den Luftaustausch und sorgte dafür,
dass die Mikroorganismen mit Sauerstoff versorgt wurden – eine
wesentliche Voraussetzung für die Zersetzung der Schadstoffe.
Das Verfahren war für seine Zeit ein technologischer Meilenstein. Heute ist es nicht nur Teil der Umwelttechnikgeschichte, sondern auch ein zentrales Thema der Vermittlung vor Ort.
Belebtschlammverfahren (Belebtschlammbecken) – Die zweite Stufe der Wasseraufbereitung
Nach der ersten Reinigungsphase in den Biotürmen wurde das
Abwasser in der Kokerei Lauchhammer zusätzlich im Belebtschlammverfahren behandelt – einer weiteren biologischen
Methode zur Reinigung organischer Verunreinigungen.
In offenen Becken wurde das vorgereinigte Wasser mit sogenannten belebten Schlammflocken vermischt. Diese bestehen aus natürlichen Mikroorganismen, die verbliebene organische Stoffe im
Wasser zersetzen. Durch das gezielte Einblasen von Luft entstand ein sauerstoffreiches Milieu, das die Mikroorganismen zur „Arbeit“ anregte.
Nach der Behandlung wurde der entstandene Schlamm im Nachklärbecken vom Wasser getrennt. Ein Teil davon wurde
zurückgeführt, um den Kreislauf aufrechtzuerhalten, der Rest als
Überschussschlamm entsorgt.
Das Belebtschlammverfahren ist bis heute ein bewährtes Verfahren in der kommunalen und industriellen Abwasserbehandlung – und war auch in Lauchhammer ein wichtiger Bestandteil eines
fortschrittlichen Gesamtsystems.


Die Kokerei Lauchhammer war ein Meilenstein für die
Schwerindustrie der DDR: Erstmals weltweit gelang hier die
Herstellung von hochwertigem Koks aus Braunkohle. Das Werk bot rund 12.000 Menschen Arbeit und veränderte das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in der Region grundlegend.
Ein Nebenprodukt der Koksherstellung war phenolhaltiges Abwasser, das in einer speziell entwickelten Turmtropfkörperanlage
biologisch gereinigt wurde – den sogenannten Biotürmen. In diesen Bauwerken übernahmen Bakterien die Aufgabe, schädliche Stoffe aus dem Abwasser zu filtern.
Der Bau der Biotürme begann am 1. Oktober 1951. Bereits am 14. Juni 1952 konnte der erste Koks produziert werden – ein
außergewöhnlich schneller Fortschritt, auch nach damaligen Maßstäben. Nach der politischen Wende wurde die Großkokerei am
30. Oktober 1991 stillgelegt und 1994 vollständig abgerissen. Die
Biotürmeblieben noch bis 2002 in Betrieb und zeugen bis heute von einem einzigartigen Kapitel deutscher Industriegeschichte.
standort
www.biotuerme.de
Finsterwalder Str. 57
01979 Lauchhammer
