Hauptziel der IBA in Großräschen war es, den Strukturwandel aktiv zu gestalten und neue wirtschaftliche, kulturelle und ökologische Perspektiven zu eröffnen. Konkret bedeutete dies, die Bergbaufolgelandschaft so zu entwickeln, dass Tourismus, Naherholung und eine bessere Lebensqualität für die Bevölkerung entstehen. Ein umfassendes Konzept verknüpfte Wasserflächen, Grünzüge und moderne Architektur zu einer neuen Landschaft. Zentrales Element war die schrittweise Flutung des Tagebaus Meuro, die im März 2007 begann. Dieser neue Großräschener See wurde über Jahre hinweg aufgefüllt und erreichte im Frühjahr 2024 seinen Endwasserstand. Parallel dazu plante und realisierte die Stadt zahlreiche städtebauliche Maßnahmen entlang der künftigen Uferkante. Eine Seepromenade mit Aussichtspunkten verband die Stadt mit dem neuen Gewässer. Bereits 2004, noch vor Beginn der Flutung, entstand ein Besucher- und Informationszentrum direkt an der Tagebaukante. Dieses Bauwerk – die sogenannten IBA Terrassen
– bildete den Auftakt für die weitere Entwicklung. Später folgte die Fertigstellung des Stadthafens Großräschen, der noch auf trockenem Boden gebaut wurde.
Mit rund 120 Bootsliegeplätzen, Uferpromenade und Marina-Infrastruktur schuf er die Basis für wassertouristische Aktivitäten. Über den Ilse-Kanal ist der Hafen mit benachbarten Seen verbunden, sodass Großräschen Teil der größten künstlichen Wasserlandschaft Europas wird. Ergänzend dazu entstanden ein Stadtstrand für Badende sowie neue Wege und Parks, um die Stadtlandschaft attraktiv zu gestalten.
Städtebauliche Ziele und Maßnahmen
Planungskonzepte und Leitideen
Die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land, die von 2000 bis 2010 lief, verfolgte in der Lausitz das Leitbild des Landschaftswandels. In Großräschen bedeutete das einen radikalen Neuanfang. Nachdem der südliche Stadtteil fast vollständig dem Tagebau Meuro zum Opfer
gefallen war, formulierte Großräschen im Jahr 2005 seine Zukunftsvision als Seestadt am entstehenden Großräschener See. Diese Leitidee zielte darauf ab, die durch den Bergbau gerissenen
physischen und sozialen Lücken zu schließen. Großräschen sollte ein neues Kapitel aufschlagen und damit zu einem Symbol des Strukturwandels in der Region werden. Das Projekt wurde als zentraler Gedanke der IBA bezeichnet, weil hier beispielhaft gezeigt werden sollte, wie sich eine Bergbaustadt zur Stadt am See wandelt.
Architektonische und landschaftsplanerische Umsetzungen
Den Kern der IBA-Projekte in Großräschen bildet das Ensemble der IBA Terrassen. Nach einem internationalen Architekturwettbewerb setzte der Architekt Ferdinand Heide seinen siegreichen Entwurf um. Entstanden sind entlang einer 270 Meter langen Promenade drei kubische Pavillonbauten mit jeweils zwei Geschossen. Die weißen Baukörper aus Stahl und Beton sind in die rekultivierte Böschung integriert. Ihre Obergeschosse liegen auf Höhe der Uferpromenade, während die Untergeschosse ebenerdig zur tieferliegenden Uferzone öffnen. Dazwischen erstrecken sich terrassierte Freiflächen, die nicht nur architektonisch einen Übergang zwischen Stadt und See schaffen, sondern auch attraktive Ausblicke auf das Wasser bieten. Diese gestaffelte Terrassierung nutzt die natürlichen Höhenunterschiede und erzeugt ein harmonisches Zusammenspiel von Architektur, Grün und Wasser. Die klare, moderne Formsprache der Pavillons setzt einen bewusstenKontrast zur umgebenden Landschaft.
Auch landschaftsplanerisch wurden Akzente gesetzt, um Geschichte und Zukunft der Stadt zu verbinden. Entlang des Ufers entstand die Allee der Steine, ein inszenierter Fußweg, der mit Findlingen und Steinarrangements die Bergbaugeschichte symbolhaft nacherzählt. Ein besonderes Wahrzeichen stellt die Seebrücke dar. Hierbei handelt es sich um den 66 Meter langen Stahl-Abwurfausleger eines ehemaligen Tagebaugeräts, der als Aussichtsplattform aufgestellt wurde. Dieses Industrierequisit ragt heute als markante Brücke vom Ufer in den See.
Neben den großen Infrastrukturprojekten gab es auch ungewöhnliche Nutzungen. So bepflanzte ein lokaler Winzer die sonnigen Hänge unterhalb der IBA Terrassen mit Weinreben. Der entstehende Weinberg, die einzige Steillage Brandenburgs, steht exemplarisch für die kreative Wiederbelebung der Bergbaufolgelandschaft und profitiert vom milden Seeklima. All diese architektonischen und landschaftlichen Elemente greifen ineinander und verleihen Großräschen ein neues Stadtbild am
Wasser.
Beteiligte Akteure
An der Umsetzung waren verschiedene Partner beteiligt. Die IBA Fürst-Pückler-Land GmbH koordinierte das Gesamtprojekt unter Leitung von Rolf Kuhn. Die Stadt Großräschen war lokaler Auftraggeber und Mitgestalter der Projekte. Das Land Brandenburg unterstützte politisch und finanziell. Die LMBV übernahm die technische Sanierung des Tagebaus und arbeitete mit der Stadt bei der Geländemodellierung zusammen. Auch beim Hafenbau war die LMBV finanziell beteiligt.
Ein interdisziplinäres Planungsteam aus Stadtplanern, Landschaftsarchitekten und Architekten entwarf das städtebauliche Gesamtkonzept. Federführender Architekt für das Besucherzentrum war Ferdinand Heide. Darüber hinaus brachten lokale Planungsbüros und Ingenieure ihr Know-how ein; so wurden zahlreiche regionale Firmen am Bau der IBA Terrassen beteiligt.
IBA-Terrassen Großräschen

Herausforderungen und Besonderheiten der Planung
Die Umsetzung der IBA-Projekte in Großräschen war mit besonderen Herausforderungen verbunden. Eine erste Besonderheit lag in der Topografie: Zwischen der alten Stadt und dem neuen Wasserspiegel bestand ein Höhenunterschied von rund 13 bis 14 Metern. Diese steile Tagebaukante erforderte kreative Lösungen, um das Stadtgebiet an den See anzubinden. Gelöst wurde dies durch das terrassierte Geländemodell und einen geschwungenen Serpentinenweg, der als barrierefreie Rampe vom Stadtkern hinunter zum Hafen führt. Die Bergbaufolgelandschaft selbst stellte ebenfalls eine planerische Herausforderung dar. Zunächst musste die Standsicherheit der Böschungen gewährleistet und der neu entstehende See ökologisch stabilisiert werden. Da Grubenwasser oft einen niedrigen pH-Wert aufweist, sind Wasserbehandlungsmaßnahmen nötig: Der Großräschener See wird nach Bedarf gekalkt, um Badewasserqualität zu erzielen. Auch die lange Dauer der Flutung verlangte Geduld, denn städtebauliche Projekte wie der Hafen wurden bereits gebaut, bevor
das Wasser vor Ort war. Dies erforderte präzise Planung und Vertrauen in die prognostizierte Entwicklung. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der sozialen Akzeptanz. Der Wandel von der Bergbau- zur Tourismusstadt bedeutete für die Bevölkerung einen Identitätswechsel, der behutsam begleitet werden musste. Viele Einwohner hatten durch Umsiedlungen und Arbeitsplatzverluste
schwierige Jahre hinter sich. Die IBA reagierte darauf mit Bürgerbeteiligung, Ausstellungen und Bildungsangeboten, um den Sinn der Maßnahmen zu verdeutlichen und den Stolz auf die Heimat
neu zu wecken. Die Balance zwischen internationaler Strahlkraft der Projekte und lokalen Bedürfnissen war stets ein Drahtseilakt. Letztlich gelang es, durch kulturelle Veranstaltungen und Informationsangebote die Bevölkerung einzubinden und den Wandel positiv zu gestalten. Nicht zuletzt war die Finanzierung der Vorhaben eine Herausforderung. Großräschen musste erhebliche Investitionen stemmen. Dank der Kooperation von Kommune, Land und Bund sowie Mitteln der Braunkohlesanierung konnte ein Betriebskonzept entwickelt werden. So entstand etwa für die IBATerrassen eine eigene Bau- und Betriebsgesellschaft, um den Unterhalt des Zentrums über die IBA-
Laufzeit hinaus zu sichern.



Langfristige Nutzung und Nachhaltigkeit
Von Anfang an legte die IBA Wert darauf, nachhaltige Strukturen zu schaffen, die über das Ausstellungsende hinaus wirken. Die IBA Terrassen wurden so konzipiert, dass eine Weiternutzung möglich ist. Tatsächlich haben sich die drei Pavillonbauten bis heute als dauerhafte Einrichtungen etabliert. In einem Gebäude befindet sich ein Restaurant mit Seeblick, ein anderer Pavillon dient als modernes Besucherzentrum mit Dauerausstellung zur IBA-Geschichte, und der dritte wird für Kulturveranstaltungen genutzt. Auch das historische Verwaltungsgebäude der IBA, das heutige Studierhaus, bleibt erhalten und steht als Bildungs- und Dokumentationszentrum weiterhin für
Seminare, Ausstellungen und Begegnungen offen. Der neu geschaffene Großräschener See und seine Uferanlagen sind ebenfalls auf langfristige Wirkung ausgelegt. Mit dem Abschluss der Flutung beginnt die eigentliche Nutzungsphase. Der Stadthafen fungiert als touristisches Tor zum Seenverbund. Schon jetzt laden Hafenpromenade und Stadthafen zu Freizeitaktivitäten ein, vom
Wassersport bis zu Veranstaltungen. Der Stadtstrand und die Uferparks werden von Einheimischen und Gästen zur Erholung genutzt. Ökologisch zeigt sich der nachhaltige Ansatz in der umfassenden
Renaturierung der Tagebauflächen: Neue Grünzüge, Gewässer und Biotope bieten Lebensraum für Flora und Fauna, wodurch die Artenvielfalt in der Region zunimmt. Das große zusammenhängende
Seenland ist heute ein Anziehungspunkt in Südbrandenburg und Nordostsachsen. Damit verbunden sind neue wirtschaftliche Perspektiven in Tourismus, Gastronomie und Dienstleistungen, die der
Region langfristig Beschäftigung und Einkommen sichern.
Insgesamt zeigt die städtebauliche Entwicklung durch die IBA in Großräschen, wie ein ehemals industriell geprägter Ort durch visionäre Planung, breite Beteiligung und mutige Gestaltung einen zukunftsweisenden Wandel vollziehen kann. Großräschen ist zu einem Modell für den Strukturwandel im Lausitzer Revier geworden – einer Stadt, die ihre Bergbauvergangenheit nicht verleugnet, sondern kreativ integriert und daraus eine neue Identität als lebendige Seestadt
geschöpft hat.
standort
https://www.iba-terrassen.de
Seestraße 11
01983 Großräschen














